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Die Geister der Ahnen beschwören: Gottfried Lindauers Maori-Bildnisse in Berlin

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Eigentlich sind Journalisten keine Frühaufsteher, und Pressetermine gleichen selten einer Geisterbeschwörung. Doch diesmal ist alles anders.

Als gegen halb Acht die fahle Novembersonne sich durch den Morgennebel kämpft, wird eine auf der Berliner Museumsinsel versammelte, leicht fröstelnde Journalistenschar Zeuge einer seltsamen Begegnung: Männer und Frauen, Priester und Krieger der Maori sind eigens aus Neuseeland angereist, um die in der Alten Nationalgalerie aufgebaute Ausstellung „Gottfried Lindauer: Die Maori-Porträts“ zu segnen und für die Öffentlichkeit freizugeben.

Gottfried Lindauer: Eru Tamaikoha Te Ariari, 1903 (Öl auf Leinwand). Auckland Art Gallery Toi o Tämaki, Geschenk von H. E. Partridge, 1915.

Gottfried Lindauer: Eru Tamaikoha Te Ariari, 1903 (Öl auf Leinwand). Auckland Art Gallery Toi o Tämaki, Geschenk von H. E. Partridge, 1915.

Barfüßige, halbnackte Männer mit Federschmuck und Frauen in prächtigen Umhängen wedeln mit ihren Waffen, stoßen gutturale Laute aus und geleiten die verdatterten Besucher durchs Museum, führen sie vorbei an Caspar David Friedrich und andere Alte Meistern bis zu den Bildern, auf denen ihre Ahnen dargestellt sind: stolze Stammesfürsten, würdige Hohepriester, Menschen mit reich verzierten, rätselhaften Tätowierungen, Angehörige einer Kultur, die schon damals, vor über 100 Jahren, dem Untergang geweiht war, als der aus dem böhmischen Pilsen stammende Maler Gottfried Lindauer sie einfühlsam porträtierte.

Gottfried Lindauer: Tamati Waka Nene, 1890 (Öl auf Leinwand). Auckland Art Gallery Toi o Tämaki, Geschenk von H. E. Partridge, 1915.

Gottfried Lindauer: Tamati Waka Nene, 1890 (Öl auf Leinwand). Auckland Art Gallery Toi o Tämaki, Geschenk von H. E. Partridge, 1915.

Die eigentliche Sensation der Ausstellung sind nicht die in der Tradition konventioneller Porträtmalerei gefertigten Bilder, sondern die Tatsache, dass die Schau überhaupt stattfinden kann. Noch nie zuvor haben die Maori erlaubt, dass die Bilder Neuseeland verlassen dürfen.

In ihrem Verhältnis zu den dargestellten Personen unterscheidet sich die Kultur des indigenen Volkes fundamental von unserer. Die seelische Verbindung zu den toten Ahnen bleibt bestehen, die Porträts sind keine Abbildung, sondern sind quasi die Personen selbst, mit denen man noch immer, über Generationen hinweg, in Kontakt steht. Erst nachdem alle 49 in Berlin ausgestellten Porträts einzeln gesegnet und in einem magischen Ritual die Geister der Porträtierten beschworen sind, dürfen die Bilder gezeigt und bewundert werden.

Gottfried Lindauer: Kuinioroa, daughter of Rangi Kopinga - Te Rangi Pikinga, undatiert (Öl auf Leinwand). Auckland Art Gallery Toi o Tämaki, Geschenk von H. E. Partridge, 1915.

Gottfried Lindauer: Kuinioroa, daughter of Rangi Kopinga – Te Rangi Pikinga, undatiert (Öl auf Leinwand). Auckland Art Gallery Toi o Tämaki, Geschenk von H. E. Partridge, 1915.

Weil Gottfried Lindauer (1839-1926) von seinen Aufträgen nicht leben konnte und er keine Lust hatte, als Soldat in den österreichisch-ungarischen Krieg zu ziehen, wanderte er 1874 nach Neuseeland aus. Im Geschäftsmann Henry Partridge fand er einen Gönner, der den Untergang einer ganzen Kultur zwar nicht verhindern konnte, aber doch wenigstens die Schönheit und den Reichtum der Maori-Traditionen dokumentieren wollte.

Unbekannter Fotograf: Der Maler Gottfried Lindauer, ca. 1899. Alexander Turbull Library, Wellington, New Zealand (PUBL-0092-001)

Unbekannter Fotograf: Der Maler Gottfried Lindauer, ca. 1899. Alexander Turbull Library, Wellington, New Zealand (PUBL-0092-001)

Lindauer malte zahllose Porträts vor entweder braunem oder dramatisch bewölktem Hintergrund. Ganz besonders betont er die wild wuchernden Gesichtstätowierungen. Diese „Moko“ haben es ihm angetan. Das merkt man beim Vergleich mit den kleinen Schwarzweiß-Fotos, die dem Maler als Vorbild dienten und auf denen die Tattoos zwar vorhanden, aber oft kaum zu erkennen sind. Mit den Bildern, die den Geist der Ahnen beschwören, kehrt auch der Geist eines Malers nach Europa zurück, der hier so gut wie vergessen ist.

Gottfried Lindauer. Die Maori-Porträts. Noch bis 12. April 2015. Alte Nationalgalerie, Museumsinsel, Bodestraße 1-3, 10178 Berlin. Eintritt 12 Euro, ermäßigt 6 Euro. Katalog 40 Euro. Öffnungszeiten: Di, Mi, Fr, Sa, So 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr, Mo geschlossen. Silvester geschlossen, Neujahr 12-18 Uhr.
Weitere Infos unter www.gottfriedlindauerinberlin.de


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